Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ (IQ)
„Wir sind keine Papiere“ – 10 Jahre Anerkennungsberatung

„Wir sind keine Papiere“ – 10 Jahre Anerkennungsberatung

26.09.2022

 „Wir sind keine Papiere“, lautete der Ausspruch eines jungen Menschen, der dabei ist, seine berufliche Qualifikation aus dem Ausland anerkennen zu lassen. Dass es bei der Anerkennung der „Papiere“, der Zeugnisse und Abschlüsse, immer auch um die gesellschaftliche Anerkennung eines Menschen, um dessen Beachtung, Wertschätzung und Integration geht, war die zentrale Botschaft der Fachveranstaltung des Beratungszentrums zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen für den Regierungsbezirk Freiburg, das vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg und dem IQ Netzwerk Baden-Württemberg gefördert wird.

Das interdisziplinäre Team der Beratungsstelle, getragen von der Trägergemeinschaft des DRK-Kreisverbands Freiburg, des Diakonischen Werkes Freiburg und des Caritasverbandes Freiburg-Stadt, lud anlässlich seines 10-jährigen Jubiläums in die Katholische Akademie zu der Fachveranstaltung ein.

In ihrem Grußwort blickte Angelika Hägele, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes, zurück auf die Anfänge der Beratungsstelle, deren Angebot sich bei ändernden Rahmenbedingungen stets weiterentwickelte. Anfangs startete die Anerkennungsberatung mit drei Mitarbeitenden.

Mittlerweile besteht das Team aus neun Fachberaterinnen und Fachberatern. Sie geben Menschen, die im Ausland Bildungs- und Berufsqualifikationen erworben haben, „Orientierung im Dickicht der beruflichen Anerkennung“, sagt Regina Göller-Obhof. Sie gehört in Freiburg zu den Pionierinnen der ersten Stunde der Anerkennungsberatung. Regina Göller-Obhof und ihre Kolleginnen und Kollegen erhielten in den zehn Jahren ca. 19.000 Anfragen von Menschen aus 128 Ländern. Sie trugen mit ihrer Arbeit dazu bei, dass viele der anfragenden Menschen auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassten, eine adäquate Vergütung erhielten und ein neues Leben in Deutschland beginnen konnten.

Die Mehrdimensionalität des Begriffes „Anerkennung“ verdeutlichte Prof. Albert Scherr in seinem Impulsvortrag „Anerkennung und der Sinn für die eigene soziale Position“. Die formale Anerkennung der Qualifikationen geflüchteter Menschen, Migrantinnen und Migranten geht demnach weit über die berufliche Perspektive hinaus. Sie ist eine elementare Voraussetzung für soziale Anerkennungserfahrungen, wie Beachtung und Wertschätzung. Erst diese Erfahrungen ermöglichen eine gelungene Teilhabe an der Gesellschaft. 

Professorin Gesa Köbberling von der EH Freiburg referierte in ihrem Impulsvortrag „Zwischen gesellschaftlicher Teilhabe, Anerkennung und Diskriminierungserfahrung – Der Zugang zum Arbeitsmarkt unter der Perspektive individueller Handlungsfähigkeit“ über die Bedeutung von Arbeit für die gesellschaftliche Teilhabe und stellte die Relevanz von Anerkennung für den Integrationsprozess und das Gefühl von Zugehörigkeit heraus. 

„In der Papierfabrik der Welt“ hieß Poetry-Slammerin Therry Wunderlich die Gäste der Fachveranstaltung willkommen. In ihrem Bühnenprogramm hinterfragte sie sprachgewandt und mit Wortwitz bürokratische Prozesse. 

Dass das Durchlaufen der bürokratischen Prozesse der Papierfabrik Beharrlichkeit, Geduld und Ausdauer erfordert, wurde in der Talkrunde mit ehemaligen Klientinnen und Klienten der Anerkennungsberatung deutlich. Sie berichteten aus ihren persönlichen Erfahrungen.

Gemeinsam ist allen, dass der Weg bis zur Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation sehr beschwerlich war und nur mit viel Ausdauer zu einem befriedigenden Ergebnis führen konnte.

Einer von ihnen, der einen langen Atem bewies, ist ein 36-jähriger Mann aus Manaus, Brasilien. Er studierte Architektur in Rio de Janeiro. Schon im Studium erwuchs der Wunsch, in Deutschland zu arbeiten. Erste Kontakte knüpfte er durch einen deutschen Professor. In Deutschland angekommen, musste er seine Papiere übersetzen lassen und Deutschkurse belegen, um das Sprachniveau B2 zu erreichen. Auch Fortbildungen für die Aneignung von deutschen Fachbegriffen und deutschem Baurecht musste er absolvieren. Verschiedene Nebenjobs sicherten sein Einkommen. Heute arbeitet er als Architekt in einem Freiburger Baubüro. „Es ist auf jeden Fall mein Traumberuf. Und ich wollte unbedingt nach Freiburg“, sagt er zufrieden. „In der Anerkennungsberatung hat man mir Wege aufgezeigt und Kontakte hergestellt, um meinen Traum zu erfüllen.“

Dass die Verfahrensweisen im Anerkennungsprozess ausbaufähig bleiben, zeigen insbesondere die Schilderungen der anderen Teilnehmenden der Talkrunde, die davon berichten, wie kräftezehrend und langwierig die Verwaltungsverfahren sein können. Dies wurde durch die Darstellungen einer studierten Grundschullehrerin besonders deutlich. Sie musste einige Hürden überwinden, um dann nach 14 Monaten Praktikum in einem Kindergarten als Erzieherin in Baden-Württemberg arbeiten zu dürfen.

Die Beiträge zeigten, dass die formale Anerkennung einen zentralen Baustein im Integrationsprozess darstellt und es demnach wichtig bleibt, die Verfahrensweisen zu optimieren, damit die Anerkennung berufliche Perspektiven ermöglicht und als Instrument der Wertschätzung gesellschaftliche Teilhabe verwirklichen kann.

So unterschiedlich die Erfahrungswerte waren, so zeigten sie alle die Bedeutung eines unabhängigen Beratungsangebots auf, bei dem die Menschen als Personen wahrgenommen und individuell unterstützt werden.

 

Text: Nora Kelm (Caritasverband Freiburg-Stadt)

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