
23.06.2025
„Wie geht es mir wirklich?“– Mit dieser scheinbar einfachen Frage begann im Mai die achtmonatige Weiterbildung „Umgang mit Vielfalt, Konflikten und Diskriminierung – Brücken für eine erfolgreiche Zusammenarbeit in internationalen Teams“ des Projekts „Förderung von Chancengerechtigkeit am Arbeitsmarkt Baden und Württemberg/klever-iq“. 29 Teilnehmende aus sieben Einrichtungen des Gesundheitswesens – überwiegend aus der Altenpflege – kamen aus Praxisanleitung, Integrationsmanagement und Führung zusammen. Gemeinsam beschäftigen sie sich mit Fragen rund um Teamkultur, Vielfalt, Fachkräftesicherung und dem Umgang mit Diskriminierung.
Die große Nachfrage – 17 Einrichtungen hatten sich beworben – zeigt, wie relevant das Thema ist. Für diese erste Runde wurden sieben Häuser ausgewählt, mit dem Wunsch, im kommenden Jahr eine zweite Gruppe starten zu können.
In neun Modulen – teils digital, teils in Stuttgart – erproben die Teilnehmenden Methoden, die Zusammenarbeit zu stärken, auf Spannungen frühzeitig zu reagieren und einen bewussten Umgang mit Diskriminierung zu entwickeln. Die Frage „Wie geht es mir wirklich?“ schafft dabei einen Raum für ehrliches Ankommen, Selbstreflexion und psychologische Sicherheit – das Gefühl, im Team man selbst sein zu dürfen. Studien zeigen: Diese Sicherheit ist eine zentrale Grundlage erfolgreicher Zusammenarbeit – noch vor klaren Rollen oder Erwartungsklärung[1]. Wer angstfrei arbeiten kann, kann ein berufliches Zuhause finden.
Diese Frage berührt daher zentrale Aspekte der Fachkräftesicherung: Wer Menschen langfristig in der Einrichtung halten möchte, sollte zuhören. Wie geht es dir hier? Was gelingt gut? Wo brauchst du Unterstützung? Welche Erfahrungen bringst du mit, welche Ideen möchtest du einbringen?
Gelingende Integration entsteht dort, wo es Raum gibt, dass echte Verbindungen zwischen Menschen entstehen, die auch dann tragen, wenn es herausfordernd wird.
Daher braucht Fachkräftegewinnung und -sicherung auch eine klare Haltung gegen Rassismus und Diskriminierung. Viele Einrichtungen sind stolz auf ihre vielfältigen Teams und investieren in gute Integrationsprozesse. Dennoch erleben Kolleg*innen, die als „nicht-deutsch“ wahrgenommen werden, auch in der Pflege und Ausbildung immer wieder Ausgrenzung. Prof. Dr. Miriam Tariba Richter (HAW Hamburg) schilderte in ihrem Gastvortrag erschütternde Beispiele: Schwarze Pflegekräfte werden beleidigt, ihre Kompetenz infrage gestellt – teils kommt es zu körperlichen Übergriffen. 40 % der Diskriminierungserfahrungen stammen laut Studien aus dem Kollegium[2], und 78 % der Betroffenen bleiben mit dem Erlebten allein[3].
Umso beeindruckender ist das Engagement der Teilnehmenden der Weiterbildung. Schon in den ersten Modulen wurden wichtige Fragen aufgeworfen: Wie kann eine vertrauensvolle Anlaufstelle aussehen? Wie gelingt es, weiße Kolleg*innen für das Thema zu sensibilisieren und als Verbündete zu gewinnen? Und wie können wir trotz hoher Arbeitsbelastung gemeinsam Verantwortung für ein wertschätzendes, diskriminierungssensibles Miteinander übernehmen?
Auch der Einblick in die Onboarding-Praxis anderer Pflegeeinrichtungen wurde von den Teilnehmenden als sehr bereichernd erlebt. Im Juni wird dazu ein weiterer Gastvortrag von Elisa Hartmann folgen. Sie stellt das innovative Einarbeitungskonzept aus dem ehemaligen IQ-Projekt „Passgenaue Einarbeitung“ der GAB München vor.
Mehr Infos zur Weiterbildung: https://www.netzwerk-iq-bw.de/de/weiterbildung-umgang-mit-vielfalt,-konflikten-und-diskriminierung.html
Text: Annette Martucci (adis e.V.)
[1] https://www.haufe.de/personal/neues-lernen/psychologische-sicherheit-erfolgsfaktor-fuer-teamerfolg_589614_553514.html – abgerufen am 04.06.2025
[2] Acker, Katherine; Pletz, Anna Maria; Katz, Aaron; Hagopian, Amy (2015): Foreign-Born Care Givers in Washington State Nursing Homes: Characteristics, Associations with Quality of Care, and Views of Administrators. In: Journal of Aging and Health, 27, 4, 650–669.
[3] Truitt, Anjali R.; Snyder, Cyndy R. (2020): Racialized Experiences of Black Nursing Professionals and Certified Nursing Assistants in Long-Term Care Settings. In: Journal of Transcultural Nursing, 31, 3, 312–318.