Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ (IQ)
10 Jahre Anerkennungsgesetz: „Abschlüsse auf jeden Fall anerkennen lassen“

10 Jahre Anerkennungsgesetz: „Abschlüsse auf jeden Fall anerkennen lassen“

19.05.2022

Bevor Olga Gotjur mit ihrer Familie nach Deutschland kam, arbeitete sie als Lehrerin in der Ukraine. Anfang 2015 kam sie nach Deutschland und suchte im November desselben Jahres unsere Anerkennungsberatung in Mannheim auf, um für Ihren Ehemann einen Anerkennungsantrag für dessen Hochschulabschluss zu stellen. Bei diesem Termin riet ihr unsere Anerkennungsberaterin auch selbst einen Antrag zu stellen, um ihr Lehramtsstudium anerkennen zu lassen. Ein paar Tage später erhielt sie überraschend den Anerkennungsbescheid. 2017 berichtete das Portal Anerkennung in Deutschland über ihren Fall

Zum 10-jährigen Jubiläum des Anerkennungsgesetzes haben wir erneut Kontakt mit Olga Gotjur aufgenommen und haben sie zu ihrem Berufsalltag seit der Anerkennung befragt. Zudem gibt sie uns im Interview einen Einblick in ihr unermüdliches Engagement für Geflüchtete aus der Ukraine und Empfehlungen, wie ihr Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt gelingen kann.

 

2015 erhielten Sie einen positiven Anerkennungsbescheid und konnten seitdem wieder als Lehrerin arbeiten. Wie hat sich Ihr Berufsleben seit der Anerkennung Ihres Abschlusses verändert?

Olga Gotjur: Das war damals eine große Überraschung für alle, vor allem für mich. Ich war mir sicher, dass ich nicht mehr als Lehrerin arbeiten werde. Nachdem ich die Anerkennung erhalten hatte, durfte ich 5 Monate an der Johannes-Kepler-Gemeinschaftsschule hospitieren. Ich habe die Lehrerinnen und Lehrer in den Vorbereitungsklassen dabei unterstützt, den Kindern mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen Deutsch beizubringen. Es hat so viel Spaß gemacht, dass ich jeden Tag länger in der Schule geblieben bin, als es mein Stundenplan verlangt hätte. Ich hatte offiziell 25 Stunden in der Woche, aber ich wollte mehr. Die damalige Schulleiterin hat mir empfohlen, die Bewerbungsunterlagen an das Schulamt Mannheim zu schicken. Später, nach dem Vorstellungsgespräch, wurde ich an der Johannes-Kepler-GMS in Mannheim eingestellt, wo ich auch heute noch tätig bin. Ich unterrichte nun selbst in den Vorbereitungsklassen, in denen Schülerinnen und Schüler zwischen 10 und 15 Jahren mit unterschiedlicher Nationalität intensiv Deutsch lernen. Sie sind neu in Deutschland und wollen rasch die Sprache lernen, um schnellstmöglich eine Regelklasse in der für sie geeigneten Schulart besuchen zu können. Ich helfe ihnen, dieses Ziel optimal zu erreichen.

 

Erzählen sie von Ihrem Arbeitsalltag. Mit welchen Herausforderungen werden Sie im Berufsalltag konfrontiert? 

Olga Gotjur: Ich habe zur Zeit 25 Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Ländern: aus der Ukraine, Syrien, Bulgarien, Spanien, Rumänien und aus dem Irak. Meine Aufgabe ist es, die Lernfreude und Motivation zu fördern, das Selbstvertrauen zu stärken und zum selbständigen und eigenverantwortlichen Lernen anzuleiten. Ein differenzierter Unterricht, die Arbeit in Kleingruppen und die individuelle Förderung sind unumgänglich. Da in den Sachfächern Fachbegriffe erlernt und erklärt werden müssen, ist auch hier der Deutschunterricht von zentraler Bedeutung. Die Arbeit mit Lexika, Wörterbüchern usw. ist wichtig, sowie der Zugang zum Lesen überhaupt. Selbst die Sprache ist schon eine große Herausforderung für die Schülerinnen und Schüler. Sie brauchen auch viel Zeit, bis sie alle Schul- und Klassenregeln kennen, da vieles, was in ihren Herkunftsländern erlaubt war, in Deutschland verboten ist und umgekehrt. 

 

Was ist besonders gut gelaufen beim Anerkennungsverfahren? Wo gibt es Ihrer Ansicht nach noch Verbesserungsbedarf?

Olga Gotjur: Es ist nur dank der professionellen Beratung von Frau Maryam Shariat-Razavi vom IQ Netzwerk Baden-Württemberg, gut gelaufen. Eigentlich bin ich damals zu ihr gegangen, um den Anerkennungsantrag für meinen Mann zu stellen. Bei der Beratung hat sie mich gefragt, was ich in der Ukraine studiert habe und hat darauf bestanden, dass ich mein Diplom auch anerkennen lassen soll. Am 25. November 2015 haben wir den Anerkennungsantrag an das Regierungspräsidium Tübingen geschickt und einige Tage später - am 04. Dezember 2015 - habe ich schon meine Bescheinigung bekommen. Es war für alle eine große Überraschung. 


Der Abschluss Ihres Ehemannes wurde ebenfalls anerkannt. Wann kam die Anerkennung und wie ging es für ihn beruflich weiter?

Olga Gotjur: Mein Ehemann hat länger als ich auf die Anerkennung gewartet. Den Anerkennungsantrag mit allen erforderlichen Dokumenten hat er Anfang 2016 an das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg nach Stuttgart gesendet. Etwa vier Monate später bekam er seine Anerkennung. Sein in der Ukraine erworbener Hochschulgrad „Energetikingenieur“ wurde anerkannt und in „Bachelor of Engineering“ umgewandelt. Er hat 6 Jahre als Servicetechniker gearbeitet, hat weiter Deutsch gelernt und Erfahrungen gesammelt. Seit Oktober 2021 arbeitet er als Energietechniker. 

Momentan ist die Hilfsbereitschaft für ukrainische Geflüchtete sehr groß. Auch Sie unterstützen die Geflüchteten. Erzählen Sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Welche Eindrücke nehmen Sie mit?

Olga Gotjur: Der 24. Februar 2022 hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Meine Eltern sind in der Ukraine geblieben, aber auch meine Geschwister mit ihren Familien, die Eltern von meinem Mann, sein Bruder mit der Familie und alle unsere Freunde. Seit dem ersten Kriegstag versuche ich überall zu helfen, wo meine Hilfe gebraucht werden kann. Ich dolmetsche in einem Flüchtlingsheim in Mannheim, in dem zurzeit 123 Geflüchtete aus der Ukraine wohnen. Wir haben dort ein tolles Team von ehrenamtlichen Menschen. Wir sammeln Spenden, helfen mit Anmeldung, Deutschkurs, Wohnungssuche. Die Kinder sind an verschiedenen Schulen in Mannheim angemeldet, sie lernen intensiv Deutsch. Wir organisieren verschiedene Veranstaltungen für Kinder im Haus. Wir feiern zusammen Feste. Mit der Unterstützung meines Schulleiters haben wir 19 ukrainische Kinder an unserer Schule aufgenommen, worauf ich mich sehr freue. Ich bringe den Schülerinnen und Schülern Deutsch bei, wie ich es damals in der Ukraine vor der Aussiedlung nach Deutschland gemacht habe. 

 

Sie sind ein Vorbild für viele Ukrainer*innen geworden.
Was würden Sie ihnen empfehlen, wenn sie hier in Deutschland arbeiten möchten? Was sollen sie machen? Welche Schritte sollen sie gehen?

Olga Gotjur: Die erste Frage von vielen Ukrainerinnen an mich war „Wann und wo kann ich in Deutschland arbeiten?“ Sie sind daran nicht gewöhnt auf Staatskosten zu leben. Diesen Luxus haben die Menschen in der Ukraine nicht. Ich empfehle nicht nur meinen Landsleuten, sondern auch allen Ausländerinnen und Ausländern, die in Deutschland leben, studieren oder arbeiten wollen, erst die deutsche Sprache zu lernen. Man braucht wenigstens B1 Niveau, um sich frei und wohl in der deutschen Gesellschaft zu fühlen. Sie sollen auf jeden Fall ihre Abschlüsse anerkennen lassen. Auch wenn diese nicht vollständig oder evtl. gar nicht anerkannt werden, bekommen sie in Deutschland professionelle Beratung und finden gemeinsam mit den Beratenden eine Lösung. Es ist sehr wichtig, einen Beruf zu erlernen, bevor sie ins aktive Arbeitsleben einsteigen. Deswegen sollten sie keine Angst haben, mit einer Ausbildung anzufangen, auch wenn sie nicht mehr jung sind und Kinder haben. Damit verbessern sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Vielen Dank für das Interview, Frau Gotjur. Wir freuen uns, wenn wir mit der Anerkennungsberatung in Baden-Württemberg auch in Zukunft viele Ratsuchende unterstützen können.



Das Interview führte Georgette Carbonilla vom Koordinations-Team des IQ Netzwerkes Baden-Württemberg im Mai 2022.

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