Förderprogramm IQ – Integration durch Qualifizierung
Für eine solidarische Gesellschaft. Wie die öffentliche Debatte über Migration auch die Fachkräftesicherung erschwert

Für eine solidarische Gesellschaft. Wie die öffentliche Debatte über Migration auch die Fachkräftesicherung erschwert

24.03.2025

Ein Kommentar des Teilvorhabens Förderung von Chancengerechtigkeit am Arbeitsmarkt in Baden und Württemberg / klever-iq (adis e.V.)

Die aktuelle Migrationsdebatte beschädigt nicht nur die politische Landschaft, sondern auch die Zusammenarbeit in unseren Teams. Die erschütternden Anschläge in Magdeburg, Aschaffenburg, München und Mannheim haben viele verängstigt. Die darauf folgende politische Debatte und rassistische Übergriffe haben Menschen mit Migrationsgeschichte, selbst wenn sie bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben, tief verunsichert.

Gleichzeitig braucht Deutschland Zuwanderung. Laut der Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DEZIM), Prof. Dr. Naika Foroutan, benötigt das Land eine jährliche Nettozuwanderung von 400.000 Fachkräften. Eine proaktive und geplante Migrationspolitik ist nicht nur aus menschenrechtlicher Sicht geboten, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen unumgänglich. Umso wichtiger ist es, eine Willkommenskultur zu etablieren, die sowohl gesellschaftlich als auch betriebsintern getragen wird. Denn Fachkräfte kommen nur nach Deutschland, wenn sie sich hier willkommen und sicher fühlen.

Die Migrationsabwehrdebatte während des Bundestagswahlkampfs hat diesem Ziel erheblich geschadet. Infolge der schrecklichen Anschläge in Magdeburg und Aschaffenburg wurde auf ein über die Jahrzehnte immer wieder genutztes Argumentationsmuster zurückgegriffen: In diesem Muster ist es möglich, nahezu alle gesellschaftlichen Probleme mit der Zuwanderung zu erklären. So wurde nach dem Anschlag in Aschaffenburg nicht die Frage der ungenügenden Versorgung psychisch kranker Menschen diskutiert, sondern die Frage der zögerlichen Abschiebung. In unmittelbare Folge solcher Debatten vermehren sich rassistische Übergriffe und Gewalttaten. In Magdeburg trauten sich Menschen mit Zuwanderungsgeschichte kaum mehr auf die Straße.

Dies trifft beispielsweise Pflegeeinrichtungen hart, da sie stark auf internationale Fachkräfte angewiesen sind. Einerseits erschwert die zunehmende Unsicherheit die Rekrutierung aus dem Ausland, da potenzielle Fachkräfte sich nicht willkommen fühlen. Andererseits sind Pflegeeinrichtungen keine isolierten Inseln, sondern Teil der Gesellschaft. Wenn öffentlich Migration als Problem dargestellt wird, kann sich diese Haltung auch in Teams und Einrichtungen widerspiegeln. Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit oder Unzufriedenheit von Kundinnen und Kunden und Angehörigen werden dann oft vorschnell internationalen Fachkräften angelastet.

Viele Pflegeeinrichtungen erkennen diese Herausforderung und setzen aktiv Gegenmaßnahmen. Sie starten öffentliche Kampagnen, um zu verdeutlichen, dass der Betrieb ohne internationale Fachkräfte nicht aufrechterhalten werden könnte*. Sie fördern eine achtsame Diskussionskultur in den Teams und sprechen verunsicherte Kolleginnen und Kollegen direkt an. Doch der Pflegebereich allein kann den zunehmenden Re-Migrations-Debatten nicht entgegenwirken. Es braucht eine gesamtgesellschaftliche Solidarität und eine klare Verteidigung der Migrationsgesellschaft und der Menschenrechte.

Text: Andreas Foitzik (adis e. V.)


* Links zu Videos Ev. Johanneswerk | 🌍 Ohne Vielfalt – keine Pflege. 💙 Wir sind 96 Nationen. 1 Werk. 1 Mission. Jede und jeder Einzelne ist unersetzlich! ✨ Deshalb stehen ... | InstagramMartini-Klinik am UKE | Ohne Vielfalt keine Pflege! 🏳️‍🌈❤️ Wir sind vielfältig, wir sind bunt – und genau das macht uns stark! Jede Kultur, jede Sprache und jede ... | InstagramContentV1


Veranstaltungshinweis:

Montag, 7. April, 15.00 bis 16.30 Uhr

Sprechen über die Migrationsdebatte im betrieblichen Alltag

Ein Online-Austauschraum

Angesichts aktueller Entwicklungen und einer polarisierten gesellschaftlichen Stimmung ist es wichtiger denn je, im Dialog zu bleiben – auch wenn es herausfordernd ist.

  • Was passiert, wenn sich die gesellschaftliche Polarisierung immer mehr auch in den Teams widerspiegelt?
  • Wie können wir Teammitgliedern, die verunsichert sind, einen Raum geben, dies zu teilen?
  • Wann ist es wichtig, klare Positionen zu beziehen?
  • Wir können wir uns im Team gegenseitig kritisieren und trotzdem im Kontakt bleiben?

Wir haben auf diese Fragen auch keine schnellen Lösungen. Wir haben aber die Erfahrung, dass es wichtig ist, über diese Fragen wie über die damit verbundenen Emotionen zu sprechen, um dann auch in den Teams sprechfähig zu werden.

Die Veranstaltung richtet sich vorwiegend an Unternehmen und Institutionen des Arbeitsmarkts. 

Input und Moderation: Annette Martucci und Andreas Foitzik aus dem Projekt Förderung von Chancengerechtigkeit am Arbeitsmarkt in Baden und Württemberg / klever-iq

Anmeldung über anmeldung@adis-ev.de


 

 

 

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