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Voll anerkannt

Das Projekt „vide terra“ unterstützt im Raum Karlsruhe und Reutlingen internationale Fachkräfte bei der Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse in Deutschland. Die 28-jährige Krankenschwester Akosua Abrafi Domfeh aus Ghana hat als erste Teilnehmerin in Karlsruhe das Programm erfolgreich absolviert: Sie arbeitet heute in ihrem Beruf im Städtischen Klinikum in Karlsruhe.

Es ist ein tolles Gefühl, es geschafft zu haben“, sagt Akosua Abrafi Domfeh und lacht. Mit der Anerkennungsurkunde, die sie am 22. März 2016 erhalten hat, darf die 28-Jährige ihren in Ghana erlernten Beruf als Gesundheits- und Krankenpflegerin auch in Deutschland ausüben – ein großer Erfolg für sie, aber auch für das Team von „vide terra – Anerkennungsqualifizierung für soziale Berufe“, einem Kooperationsprojekt der Diakonischen Werke Baden und Württemberg und des Evangelischen Schulwerks.

Domfeh ist die erste Teilnehmerin am Standort Karlsruhe, die ihre vollständige Anerkennung erhalten hat. „Ohne ‚vide terra‘ wäre ich heute in einer Ausbildung“, sagt sie. Obwohl sie motiviert und zielstrebig ist, war der Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt für sie eine große Herausforderung.

Wer mit einem ausländischen Abschluss in Gesundheits- und Pflegeberufen als Fachkraft in Deutschland arbeiten möchte, muss seine im Ausland erworbenen Qualifikationen zunächst auf Gleichwertigkeit überprüfen lassen, so ist es im Anerkennungsgesetz geregelt. Oft wird die Anerkennung aber nur teilweise ausgesprochen. Zur Berufszulassung müssen Auflagen erfüllt werden, bei denen es um Fach-, Praxis- oder auch Sprachkompetenz geht. Das Problem dabei: Viele tun sich schwer damit, diese Auflagen zu erfüllen. Es mangelt an Kenntnissen des deutschen Arbeitsmarktes, an Kontakten und Geld. Und genau da setzt das Projekt „vide terra“ an. Bei Domfeh waren es vor allem die Kontakte, die fehlten. Als sie 2011 ihrem Mann nach Deutschland folgte, hatte sie in Ghana bereits eine dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, erhielt in Deutschland jedoch nur eine Teilanerkennung. Voraussetzung für die vollständige Anerkennung war eine sechsmonatige Anpassungsqualifizierung. Domfeh bemühte sich um eine entsprechende Stelle, schrieb etliche Bewerbungen, das Ergebnis war ernüchternd: Viele Kliniken boten diese Qualifizierung gar nicht an, andere waren zu weit weg, um Beruf und Familienleben mit Kleinkind unter einen Hut bringen zu können. Als ein Klinikum ihr schließlich anbot, erneut eine Ausbildung zu machen, wusste sie nicht mehr weiter.

„Es ist ein tolles Gefühl, es geschafft zu haben“

Akosua Abrafi Domfeh

Durch Zufall erfuhr sie vom Projekt „vide terra“ und stieß ausgerechnet auf Dr. Christine Böhmig vom Diakonischen Werk Baden, die selbst einige Jahre in Ghana verbracht hatte und sie als Projektmitarbeiterin auf ihrem Weg zur Anerkennung begleitete. Böhmig besprach mit ihr ihre persönliche Situation, baute sie auf, vermittelte eine Qualifizierungsmöglichkeit beim Städtischen Klinikum in Karlsruhe und begleitete sie zu ihrem Vorstellungsgespräch. Selbstzweifel der Teilnehmer aus dem Weg räumen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken, gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Projektteams. „Es ist schön zu sehen, wie sich die Menschen von Beginn des Projekts bis zum Ende entwickeln“, sagt Böhmig. „Am Anfang kommen verunsicherte Menschen zu uns, verunsichert über ihr Deutsch, über ihre Berufsperspektive. Nach einiger Zeit bekommen alle einen geraden Rücken.“

Regelmäßige, verbindliche Treffen, einmal im Monat, fördern den Austausch unter den Teilnehmern. Daneben werden in einer persönlichen Bedarfsanalyse die notwendigen Qualifizierungsschritte und Maßnahmen definiert, die für die Anerkennung erforderlich sind. Vide terra unterstützt finanziell bei Sprachkursen, bietet fachliche Schulungen, verfügt aber auch über ein großes Netzwerk an Partnern, die bei der Vermittlung von Praktika Hilfe leisten. „Wir sehen in diesem Projekt die Möglichkeit, dem Fachkräftemangel gezielt entgegenzuwirken“, sagt Josef Hug, Pflegedirektor des Städtischen Klinikums. „Über die Anpassungsqualifizierung lernen wir qualifizierte Arbeitnehmer über einen längeren Zeitraum kennen. Das macht das Projekt so spannend für uns.“

„Es ist schön zu sehen, wie sich die Menschen von Beginn des Projekts bis zum Ende entwickeln.“

Dr. Christine Böhmig, Diakonisches Werk Baden

Auch für Domfeh hat es sich gelohnt, für die Anerkennung zu kämpfen: Nach der Qualifizierung im Karlsruher Klinikum wurde sie dort übernommen und arbeitet heute in ihrem gelernten Beruf als Krankenschwester. Eine größere Anerkennung gibt es für sie nicht.

Über das Projekt

Vide terra – Anerkennungsqualifizierung für soziale Berufe bietet individuell abgestimmte Qualifizierungen für Pflegefachkräfte, die ihre Fachausbildung im Ausland erworben haben und die in Deutschland nicht vollständig anerkannt wurde. Das Projekt läuft über einen Zeitraum von vier Jahren (2015 bis 2018) in den Regionen Karlsruhe/Pforzheim und Tübingen/ Reutlingen.


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