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Im Norden angekommen

Wie viele junge spanische Arbeitskräfte suchte der Elektroingenieur Albert Mercader Roig aufgrund der anhaltenden Krise in seinem Heimatland sein Glück in Deutschland. Die Academía Española de Formación – Spanische Weiterbildungsakademie e.V. (AEF) erleichterte ihm den Einstieg im Rahmen des Projektes „Bievenid@s“ – Willkommen in Baden-Württemberg.

Perdiendo el norte“, Verloren im Norden, heißt eine spanische Erfolgskomödie aus dem Jahr 2015, die Regisseur Nacho García Velilla Spaniens „verlorener Generation“ gewidmet hat, jenen jungen Menschen, die trotz einer guten Ausbildung keinen Job in ihrem eigenen Land finden. Im Kinofilm machen sich zwei junge Spanier auf den Weg nach Norden, genauer gesagt nach Berlin – und erleben erst einmal einen Kulturschock: Händeschütteln statt Küsschen, trüber Himmel statt Sonne, Effizienz statt Laissez-faire. Auch wenn viele Klischees in diesem Film bedient werden, ein wenig so wie den Protagonisten ist es Albert Mercader Roig auch ergangen, als er Anfang 2013 nach Deutschland kam, um seine Bachelor-Arbeit in Elektrotechnik an der Universität Emden/Leer zu machen. „Es war alles neu für mich, ich musste mich erst einmal zurechtfinden, die Mentalität der Deutschen kennenlernen“, sagt Roig. Seine Gastfamilie half ihm dabei, sein Deutsch wurde immer besser, dennoch war der Anfang für ihn schwer: „Man fühlt sich schon ein bisschen verloren.“

Roig stammt ursprünglich aus Figueras, einem kleinen Städtchen etwa 150 Kilometer nördlich von Barcelona, das seine Bekanntheit dem Dalí-Museum zu verdanken hat. Wenn Roig von seiner Heimat spricht, schwebt in seiner Stimme Sehnsucht mit: „Es ist sehr schön da“, schwärmt er. Drei bis vier Mal im Jahr besucht er seine Familie, seit er sich dazu entschieden hat, zunächst in Deutschland zu bleiben und hier zu arbeiten.

Sein Heimatland hat Roig verlassen, da er, wie viele junge Spanierinnen und Spanier, keine Zukunft für sich sah. Politikerinnen und Politiker sprechen von einer „fuga de cerebros“, einer „Flucht der Gehirne“. Schätzungen zufolge haben in den vergangenen Jahren 110.000 bis 400.000 Menschen mit Hochschulausbildung Spanien verlassen. 2013 lag die Arbeitslosenquote der unter 30-Jährigen bei 41 Prozent. „Es gab kaum Jobangebote“, sagt Roig. „Und wenn, dann waren sie schlecht bezahlt.“ Dass es in Deutschland anders sein soll, hört er immer wieder von Freunden. Als er über einen Fernsehbericht erfährt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel explizit spanische Fachkräfte anwirbt, wagt er den Schritt und bewirbt sich auf ein Auslandsprogramm seiner Universität.

„Es geht uns darum, eine Brücke zwischen Bewerbern und Unternehmen herzustellen.“

Carolina Castro, Leiterin des Hornberger Büros der AEF

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet Roig nun bei der Arnd Sauter GmbH als Servicetechniker für 3-D-Drucker in Hornberg im Schwarzwald. Ein bisschen Sorge hatte er schon davor, sich bei deutschen Unternehmen zu bewerben. Doch anders als im Film endeten seine Bewerbungsgespräche nicht im Desaster. Dies hat Roig vor allem der Academía Española de Formación (AEF) zu verdanken, die von einem kultursensiblen Coaching bis hin zu Hilfe bei Behördengängen die Neuzuwandernden in der Schwarzwaldregion berät und begleitet.

Carolina Castro leitet das Hornberger Büro der AEF und hat Roig bei der Erstellung seiner Bewerbungsmappe unterstützt und ihn zu seinem Vorstellungsgespräch bei der Arnd Sauter GmbH begleitet. „Es geht uns darum, eine Brücke zwischen Bewerbern und Unternehmen herzustellen“, sagt sie. „Wir unterstützen nicht nur die Bewerberinnen und Bewerber, sondern versuchen auch die Unternehmen zu sensibilisieren, worauf es bei ausländischen Fachkräften ankommt.“

„Wir schätzen die Kooperation mit der Academía Española de Formación sehr, da wir uns dadurch auf die wesentlichen Dinge bei der Integration unserer Mitarbeiter konzentrieren können“, sagt Geschäftsführer Arnd Sauter. „Uns ist es wichtig, dass sich die Mitarbeiter bei uns wohlfühlen, dazu gehört auch ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl, das durch die Aktivitäten der AEF gestärkt wird.“

„Ich weiß nicht, wo ich heute ohne AEF stehen würde“, lobt Roig die Arbeit der Organisation. Wichtig war für ihn, mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. „Da fühlt man sich nicht mehr allein“, sagt Roig. Mit zwei anderen Spaniern hat er eine Wohngemeinschaft in Offenburg gegründet. Wenn er nach seinen Kundenbesuchen, für die er unter der Woche durch ganz Deutschland tourt, nach Hause kommt, erwartet ihn ein Stück Heimat. „Es tut gut, ab und zu auch wieder die eigene Sprache zu sprechen.“

„Es war alles neu für mich, ich musste mich erst einmal zurechtfinden, die Mentalität der Deutschen kennenlernen.“

Albert Mercader Roig

„Perdiendo el norte“, der Titel des Kinofilms, hat im übertragenen Sinne noch eine weitere Bedeutung: den Kompass verlieren, sich nicht mehr zurechtfinden im Leben. Auf Albert Mercader Roig trifft dies nicht zu: Er ist angekommen.

Über das Projekt

Die Academía Española de Formación (AEF) wurde 1984 von spanischen Emigranten gegründet und setzt sich seitdem für das interkulturelle Zusammenleben und die Integration in Deutschland ein. Mit Sitz in Bonn und Hornberg berät und unterstützt die AEF Fachkräfte aus Spanien, aber auch aus anderen Ländern, die in diesen Regionen arbeiten möchten. Gleichzeitig bildet sie eine Brücke zu den Unternehmen und sensibilisiert diese im Umgang mit Neuzuwanderinnen und Neuzuwanderern.


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