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Fit für den Bau

Dimitrios Kyssidis arbeitet heute als Bauleiter im Bereich Netzbau bei Leonhard Weiss in Stuttgart-Möhringen. Zu verdanken hat der Grieche diese Stelle auch dem Lehrgang Systematik des deutschen Bau- und Planungswesens.

Pure Not war es nicht, die Dimitrios Kyssidis aus Thessaloniki veranlasste, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Der Ingenieur war Beamter und arbeitete schon über elf Jahre im Bauamt von Thessaloniki. Trotz des sicheren Postens war er unzufrieden. „Die Lage in Griechenland ist nicht so, wie ich sie für meine Kinder wünsche", sagt er. Zuerst zogen daher seine Frau und die beiden Töchter zu seinen Eltern nach Bad Cannstatt.

„Ich bin durch diese anerkannte Fortbildung viel sicherer geworden.“

Dimitrios Kyssidis

Diese waren schon in den 1960er Jahren nach Deutschland ausgewandert und sind mittlerweile Rentner. Auch Dimitrios hat einen Teil seiner Kindheit in dem Stuttgarter Stadtbezirk verbracht und spricht deshalb fließend Deutsch. In Bad Cannstatt besuchte er die Hauptschule, bevor er nach Griechenland zurückkehrte, um auf das Lyzeum zu gehen und später zu studieren. Doch trotz dieses Hintergrunds und seiner sehr guten Sprachkenntnisse fand er keine adäquate Stelle, als er 2014 seiner Familie nachfolgte. Stattdessen jobbte er als Aushilfe in Restaurants und an Tankstellen. „Das Problem war, dass ich noch nie als Bauingenieur in Deutschland gearbeitet hatte und mir mögliche Arbeitgeber offenbar nicht zutrauten, diesen Job hier auszufüllen.“

Jochen Lang, Geschäftsführer der Akademie der Ingenieure in Ostfildern, kennt diese Schwierigkeiten. „In anderen Ländern wird auf einer anderen Gesetzesgrundlage geplant und gebaut“, betont er. „Man muss die Inhalte der deutschen Normen und Gesetze kennen, wenn man hier tätig sein will.“ Aus diesem Grund hat seine Akademie einen fünfwöchigen Lehrgang entwickelt, der genau auf diese Bedürfnisse abgestimmt ist und ausländischen Ingenieuren dieses Wissen vermitteln soll. Voraussetzung für die Teilnahme sind Deutschkenntnisse auf dem B2-Level, ein abgeschlossenes Studium im Heimatland im Bauoder baunahen Bereich – und selbstverständlich Interesse. „Die Teilnehmer müssen schon eine besondere Motivation mitbringen“, betont Lang. „ Denn während sie sich die umfangreichen und oft auch komplexen Seminarinhalte aneignen, bewerben sie sich mit Unterstützung der Akademie parallel zum Lehrgang um Stellen.“ Sie sollen sich schon in dieser Phase bemühen, bei Bauunternehmen, Planungsbüros und der öffentlichen Bauverwaltung einen Fuß in die Tür zu bekommen. Der Erfolg gibt diesem Konzept recht. Die Vermittlungsquote liegt bei 75 bis 80 Prozent.

Auch die Karriere von Dimitrios Kyssidis kam dank des Lehrgangs wieder in Schwung. „Ich bin durch diese anerkannte Fortbildung viel sicherer geworden“, findet er. Unterschiede bestehen eben nicht nur bei den Gesetzen, sondern auch in der Arbeitskultur. Daher lernen die Teilnehmer neben den Paragraphen der Vergabeordnung für Bauleistungen oder der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure auch sogenannte weiche Faktoren kennen. Wie läuft eine Sitzung in einem Planungsbüro ab, wie organisiert man eine Besprechung auf der Baustelle, wer protokolliert? „Von vielen Teilnehmern haben wir erfahren, dass in ihren Ländern deutlich mehr mündlich geregelt wird. Wir legen doch sehr viel mehr Wert auf die schriftlichen Formen“, erläutert Jochen Lang. Mit dem neu erworbenen Wissen zu Normen, Gesetzen und Verhaltensregeln ebnete sich Dimitrios, den Weg zu einer festen Stelle. Die Baufirma Leonhard Weiss verlängerte das Praktikum des Griechen, das dieser während der Ausbildung begonnen hatte, bis Ende 2015. Seit Januar 2016 ist Kyssidis jetzt als Bauleiter in Stuttgart-Möhringen angestellt.

„Die Teilnehmer müssen schon eine besondere Motivation mitbringen.“

Jochen Lang, Geschäftsführer der Akademie der Ingenieure

Auch sein Chef, Standortleiter Jochen Tröger, ist vom Konzept des Lehrgangs überzeugt. „Es gibt besonders im Bausektor einen Fachkräftemangel in Deutschland und daher ist es eine tolle Sache, dass Fachkräften aus anderen Ländern die nötigen Grundlagen des deutschen Bau- und Planungswesens, beigebracht werden, um auch hier Aufgaben zu übernehmen.“ Für Kyssidis hat sich ein großer Wunsch erfüllt, auch wenn er manchmal seine Heimat Thessaloniki vermisst – vor allem „das Wetter und den blauen Himmel“. Gleichwohl fühlt er sich privilegiert, denn anders als viele andere hat er seine Familie in Deutschland. „Zuhause bei meiner Familie habe ich einen sicheren Hafen.“

Über das Projekt

Der fünfwöchige Lehrgang „Systematik des deutschen Bau- und Planungswesens" vermittelt ausländischen Fachingenieuren und Architekten sowohl rechtliche Grundlagen als auch Wissen über Bauorganisation sowie die Besonderheiten der Arbeitskultur in Deutschland. Nach dem theoretischen Teil folgt ein Praktikum. Die Akademie der Ingenieure führt die Schulung jeweils einmal im Jahr in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und dem Saarland durch.


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