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Endlich am Ziel

Die 46-jährige Elena Bär hat ihr Ziel nie aus den Augen verloren, als Ärztin in Deutschland arbeiten zu können. Lange Zeit findet sie keine Möglichkeit, ihre Approbation zu erlangen, doch ein Vorbereitungskurs am Berufsfortbildungswerk Stuttgart öffnet ihr die Türen.

Oftmals sind es Schlüsselbegegnungen, die darüber entscheiden, ob jemand seine selbstgesteckten Ziele erreicht, oder nicht. Bei der 46-jährigen Elena Bär, die ursprünglich aus Russland stammt, gab es Lebenszielverhinderer, die sagten, sie sei schon zu alt, um ihren Traum zu verwirklichen, in Deutschland als Ärztin zu arbeiten. Es gab aber auch Wegbegleiter, die sich von ihrer Willenskraft anstecken ließen und an sie glaubten.

Ursel Herrera Torrez, Projektleiterin am Berufsfortbildungswerk (bfw) Stuttgart, gehört zur zweiten Kategorie. Im Rahmen des Vorbereitungskurses auf die Kenntnisprüfung, die für ausländische Ärztinnen und Ärzte Voraussetzung ist, um ihren Beruf in Deutschland ausüben zu können, hat sie Elena Bär begleitet. Von Anfang an war sie davon überzeugt, dass es Bär schaffen würde: „Sie hat sofort einen sehr engagierten Eindruck auf mich gemacht “, erinnert sich Herrera Torrez, „denn sie wusste, es ist ihre einzige und letzte Chance.“

Der Vorbereitungskurs des bfw dauert acht Monate und hat es in sich: Zunächst absolvieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen zweimonatigen Sprachkurs mit dem Schwerpunkt medizinische Fachsprache, dann folgen zwei Monate Medizinunterricht. Von Innerer Medizin, Chirurgie und Notfallmedizin über Radiologie und Pharmakologie bis hin zu den rechtlichen und hygienischen Vorschriften im deutschen Gesundheitssystem wird alles durchgenommen, was für den Beruf als Arzt in Deutschland von Relevanz ist. Im zweiten Teil des Vorbereitungskurses geht es um die Umsetzung der Kenntnisse in der Praxis im Rahmen eines Praktikums.

„Ich habe in dieser Zeit so intensiv gelernt, das werde ich nie in meinem Leben vergessen“, sagt Elena Bär. „Fast jeden Sonntag haben wir uns mit anderen Projekteilnehmerinnen getroffen, um zusammen zu lernen und uns auf die Kenntnisprüfung vorzubereiten.“ Ihr innerer Antrieb war dabei die Aussicht, ihren Traum verwirklichen zu können: „Ich wusste, ich bin motiviert und kann es schaffen.“ Als sie erfährt, dass sie die Prüfung bestanden hat, fließen die Tränen.

„Ich habe in dieser Zeit so intensiv gelernt, das werde ich nie in meinem Leben vergessen.“

Elena Bär

Um zu verstehen, was die bestandene Kenntnisprüfung für Elena Bär bedeutet, muss man in ihrer Biografie einige Jahre zurückgehen. Den Grundstein für ihren Beruf als Ärztin legt sie bereits während ihrer Schulzeit: Als Einser-Abiturientin wird sie für ein Studium an der Staatlichen medizinischen Akademie Tscheljabinsk zugelassen, eine hoch angesehene Ausbildungsstätte in Russland. Sie schließt das Studium erfolgreich ab, besteht ein Jahr später ihre Prüfung zur Fachärztin Innere Medizin und arbeitet drei Jahre lang als Allgemeinärztin in einer Poliklinik. Als 1998 eine Stelle in der Kardiologie frei wird, erhält sie die Stelle und ist beruflich fast am Ziel.

Doch Elena Bär zieht es nach Deutschland – aus privaten Gründen. Im Jahr 2000 folgt sie ihrem damaligen Freund. Beruflich muss sie zurückstecken, sie kann noch kein Deutsch, die Approbation ist dadurch zunächst außer Reichweite. „Das Problem war, dass mich in meinen Anfangsjahren in Deutschland niemand unterstützt hat.“

Als die Ehe mit ihrem Mann zerbricht, zögert sie nicht lange und nimmt eine Stelle als Pflegehelferin an. „Ich war auf mich allein gestellt und musste arbeiten, um Geld für mich und meine Tochter zu verdienen“, erklärt Elena Bär. Vierzehn Jahre lang übt sie diesen Beruf in verschiedenen Altenheimen aus – ein Beruf, der ihr zwar Spaß macht, der sie jedoch nicht erfüllt.

Mit 44 Jahren wagt sie 2014 einen neuen Vorstoß und absolviert einen sechsmonatigen Sprachkurs. Ihre Tochter ist inzwischen alt genug, zudem erhält sie Unterstützung von ihrem neuen Freund.

Als sie vom Vorbereitungskurs des bfw erfährt, empfindet sie eine Mischung aus Hoffnung und Glück: „Das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Elena Bär rückblickend. Endlich kann sie wieder ihrer Berufung nachgehen, in einem Umfeld, das für sie motivierend und bereichernd ist.

Die 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern und spornen sich gegenseitig an, gecoacht durch die Betreuer des bfw. „Wir arbeiten viel in kleinen Gruppen. Da erleben wir es immer wieder, dass sich auch Freundschaften bilden in den acht Monaten“, berichtet Ursel Herrera Torrez. Die entstandenen Kontakte sind eine gute Grundlage für das spätere berufliche Netzwerk.

Elena Bär arbeitet inzwischen als Ärztin in der psychiatrischen Klinik in Christophsbad. „Frau Bär hat sich hervorragend in den Arbeitsalltag integriert und ist von den Mitarbeitern und von den Vorgesetzten eine sehr geschätzte Ärztin“, lobt Prof. Dr. Nenad Vasic, der ärztliche Direktor der Klinik.

„Sie hat sofort einen sehr engagierten Eindruck auf mich gemacht, denn sie wusste, es ist ihre einzige und letzte Chance.“

Ursel Herrera Torrez

Ihr nächstes Ziel hat Bär bereits vor Augen: Sie möchte den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie machen. „Aus unserer Sicht ist dieses Ziel realistisch“, sagt Vasic. Ihren weißen Kittel trägt Elena Bär mit Stolz: „Ich habe so viel für diesen Kittel gemacht, ich behalte ihn jetzt für die nächsten 20 Jahre.“

Über das Projekt

Das Berufsfortbildungswerks Stuttgart bietet ausländischen Ärztinnen und Ärzten einen Vorbereitungskurs, der sie fit macht für die Kenntnisprüfung, über die sie ihre Berufserlaubnis in Deutschland, die sogenannte Approbation, erhalten können. Der Kurs dauert acht Monate und beinhaltet Sprachförderung, theoretischen Medizinunterricht sowie ein dreimonatiges Praktikum. Pro Kurs sind 25 Teilnehmer zugelassen.


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