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Ein langer Weg

Anfang des Jahres suchte das Interkulturelle Bildungszentrum Mannheim gGmbH (ikubiz) nach einer qualifizierten Anerkennungsberaterin. Daniela Bauer erinnerte sich an eine Libanesin, die einige Jahre zuvor bei ihr in der Qualifizierungsberatung gewesen war und offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Das Ende eines langen Wegs und der Anfang einer außergewöhnlichen Geschichte.

Lena Vesely hat einen langen Weg hinter sich – und zwar im buchstäblichen Sinne. Denn zu ihrem Vorstellungsgespräch beim Interkulturellen Bildungszentrum (ikubiz) in Mannheim kam sie aus dem Libanon angereist. Ende März 2016 war das – und der Aufwand hat sich gelohnt. Seit Juni arbeitet die gebürtige Libanesin als Anerkennungsberaterin beim ikubiz. „Ich hatte um Ostern ohnehin einige Dinge in Deutschland zu erledigen“, relativiert Vesely und lacht. „Dennoch war es natürlich ein großes Abenteuer, zu einem Vorstellungsgespräch nach Deutschland zu reisen.“

Dass es überhaupt so weit kam, lag an einer akuten personellen Notlage, in der sich das ikubiz Anfang des Jahres befand. „Für unsere Anerkennungsberatung suchten wir dringend einen geeigneten Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin“, erinnert sich Daniela Bauer, die beim ikubiz für Qualifizierungsberatung zuständig ist. Eine wichtige Anforderung an potenzielle Kandidaten: Sie mussten Arabisch sprechen, da durch die aktuelle Flüchtlingswelle die Zahl der Klienten aus dem arabischsprachigen Raum – vor allem aus Syrien – stark angestiegen war. Doch die Suche gestaltete sich schwieriger als gedacht, bis sich Daniela Bauer an Lena Vesely erinnerte, die einige Jahre zuvor Klientin in ihrer Beratung gewesen war. Es gelang ihr nach einiger Recherchearbeit Veselys aktuelle Adresse im Libanon herauszufinden und dann nahmen die Dinge ihren Lauf.

Lena Vesely hat jedoch auch im übertragenen Sinne einen langen und ungewöhnlichen Weg hinter sich. Nach ihrem Abitur mit dem Schwerpunkt Philosophie studierte sie in Beirut Anglistik mit einem Masterabschluss, der es ihr ermöglichte, im Libanon als Lehrerin zu arbeiten. Zwölf Jahre lang arbeitete sie in verschiedenen Berufen – als Berufsschullehrerin für Business English und als Übersetzerin und Lektorin für diverse Firmen. Auch im libanesischen Fernsehen und der australischen Botschaft und bei Kammern brachte sie ihre umfassenden Kenntnisse ein, bevor sie sich im Jahr 2002 entschloss, nach Deutschland zu gehen. In Deutschland ging sie verschiedenen Tätigkeiten als Freiberuflerin wie Nachhilfe- und Sprachlehrerin oder Übersetzerin nach. Ihr Wunsch nach einer festen Anstellung erfüllte sich jedoch nicht.

„Hier kann ich alle Fähigkeiten und Erfahrungen, die ich während meiner bisherigen Karriere sammeln konnte, einbringen.“

Lena Vesely

In diesem Zusammenhang kam Vesely erstmals mit der Anerkennungs- und der Qualifizierungsberatung des ikubiz in Kontakt. „Leider konnten wir ihr damals keine Hoffnungen machen, dass sie als Lehrerin in Deutschland fest angestellt werden würde, da der Beruf zu den reglementierten Berufen gehört, für deren Anerkennung strenge Regeln gelten“, erzählt Daniela Bauer. Stattdessen verwies das ikubiz Vesely an die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB), die nicht reglementierte Berufe bewertet. Für Lena Vesely war das langfristig jedoch keine Perspektive und so entschloss sie sich im Jahr 2015, dauerhaft in den Libanon zurückzukehren. Dass sich alles dann doch anders entwickelte, hat sie ihrer vielfältigen Berufserfahrung sowie ihren umfassenden Sprachkenntnissen zu verdanken. So spricht Vesely neben ihren beiden Muttersprachen, Arabisch und Französisch, noch verhandlungssicheres Englisch sowie fließend Deutsch und gutes Italienisch. „Wir sind sehr froh, mit Frau Vesely eine Mitarbeiterin gefunden zu haben, die alle Kenntnisse und Fähigkeiten mitbringt, die man als Anerkennungsberaterin braucht“, bestätigt ikubiz-Geschäftsführerin Elvira Stegnos. Neben den Sprachkenntnissen seien dabei auch ihre pädagogischen Erfahrungen sowie das Einfühlungsvermögen in andere Sichtweisen und Erfahrungen entscheidend.

Über die individuellen Fertigkeiten hinaus hat die Entscheidung für Lena Vesely für das ikubiz aber auch eine weiterreichende Bedeutung: „Bei uns gehören solche Personalentscheidungen wie die bei Frau Vesely zur guten Tradition“, betont Stegnos. „Wir wollen damit auch ein Zeichen setzen, dass wir unterschiedliche Bildungswege und Qualifikationen in unserem Unternehmen brauchen und ausländische Abschlüsse miteinbeziehen.“

Lena Vesely ist sehr glücklich über ihren Einstieg in die Anerkennungsberatung: „Hier kann ich alle Fähigkeiten und Erfahrungen, die ich während meiner bisherigen Karriere sammeln konnte, einbringen.“ Für sie ergibt sich so endlich eine dauerhafte Perspektive. Ihre beiden zehn und zwölf Jahre alten Söhne, die zurzeit noch im Libanon leben, möchte sie nach den Sommerferien 2016 nach Deutschland holen. Der Wechsel wird den beiden nicht zu schwer fallen. Zum einen haben sie schon einige Jahre in Deutschland gelebt, zum anderen besuchen sie im Libanon eine deutsche Schule. Sollten sie sich eines Tages ebenfalls beim ikubiz bewerben, würde ihr Anreiseweg wahrscheinlich deutlich kürzer ausfallen.

Über das Projekt

Seit 2015 bietet das IQ Netzwerk in den vier Regierungsbezirken Freiburg, Mannheim, Stuttgart und Ulm eine Qualifizierungsberatung, die die Anerkennungsberatung ergänzt. Ziel ist es, Menschen, deren Qualifikationen und Berufswege nicht oder nur teilweise anerkannt wurden, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie sich weiterbilden und eine vollständige Anerkennung bzw. eine Berufszulassung erlangen können. Darüber hinaus begleitet die Qualifizierungsberatung die Ratsuchenden auch bei der Bewerbung und bei der Arbeitssuche und kooperiert mit Institutionen wie der Agentur für Arbeit, den Jobcentern und den einschlägigen Kammern.


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Das Förderprogramm "Integration durch Qualifizierung (IQ)" wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert.
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